Der Unbestechliche

Bildhauer Jörg Plickat "Der Unbestechliche" - Bronzekopf 2018/19 - Berlin, Bredenbek, Travemünde
4 Fotos © Prof. Dr. Jörg D. Thiede - aufgenommen am 23. Oktober 2019 - Brandenburgische Str. 43 - Wohnküche II - Berliner Salon 1910



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Die Post brachte am 23.10.2019 eine große Holzkiste ins Haus - Inhalt: die Büste: „Der Unbestechliche“ von Jörg Plickat aus Hamburg. Ich rief wieder Rudolf an. Er ist der Bruder von Harro und Harro war mein Geschäftsführer nach der Wende in Potsdam, Maschinenbau Babelsberg GmbH. Ich war Aufsichtsratvorsitzender des Unternehmens, bestellt von der Treuhandanstalt, Berlin.

Zu DDR-Zeiten hatte das Karl-Marx-Werk ca. 2200 Beschäftigte und gehörte zum Kombinat Ludwigsfelde. Und ich sagte „Komm bitte vorbei“, „Der Unbestechliche“ steht in meiner Küche auf einem Podest. Rudolf kam unverzüglich und wir schauten lange stumm den Kopf an.


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Dann sagte ich „Ja, er hat was. Wenn ich ihn von linkskommend betrachte, ist er ganz Unternehmer: wach, selbstbewußt, sicher, im Tun überzeugend.

Betrachte ich ihn von rechts, ist er sinnlich, verstehend, gelassen, in sich ruhend.

Die zwei Hälften des Kopfes sind auch hier von den Bildhauer Plickat treffend wiedergegeben. Auf den Punkt gebracht: „Der Unbestechliche“ drückt aus, nur wenn Verzicht mit allen Sinnen gelernt und geübt, begriffen und gelebt wurde, ist so eine Klarheit zur Erscheinung im Ausdruck wiederzufinden.

Nach einer guten Flasche Wein „Gaja“ 2010 wurde es deutlicher. Schaut man ihm in sein Antlitz, so könnte man sagen, er ist der Kohlhaas aus der Kleist'schen Novelle des 21. Jahrhunderts.

Schaut man seinen Hinterkopf an, groß, fest auf der Schulter ruhend, und wendet man sich dann zum Antlitz, schaut ein Gesamtcharakter einen an - ungebeugt, die Augen in die Weite zeigend, wegweisend und voller Kraft und in überzeugender Moral.

Rudolf Draheim
Berlin, 25. Oktober 2019

Rudolf Draheim


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Handelt im Leben immer so, dass die Maxime Eures Handelns zum allgemeinen Grundsatz erhoben werden kann. (Kant’sche Imperativ)


Wir verweilten, Rudolf betrachtete immer aufs Neue den Kopf von allen Seiten, und ich war plötzlich im Gestern:

Ich errinnerte mich an Detti als er in der Unterprima 1957 war, das ist immer die entscheidende Klasse vor dem Abitur. Wir wohnten in der Holländerstraße 17, 1. Stock, Wohnküche I und Wohnzimmer, ca. 40 m2 (Das Foto des Hauses ist 2018 aufgenommen und das Haus sieht noch aus wie 1945).

Mutter gab mir ein Drittel ihres Küchen-/Arbeitstisches, Baujahr 1920, 1,20 m lang, 80 cm breit, mit grünem Linoleum bespannt zur Erledigung meiner Hausaufgaben, liebevoll ab. Ich nahm selten mein Recht in Anspruch, ging lieber an den nahegelegenen Schäfersee, sprach mit den Vögeln, spielte mit den Feldmäusen und lag auf der großen Wiese vor dem See und träumte vom Taugenichts. Und was träumte ich: Wenn ich eines Tages vielleicht Geld verdienen sollte, dann werde ich nur an einem großen, nein, ganz ganz großen Tisch, arbeiten.

1978 war es dann soweit! Angefangen habe ich mit Glastischen von der Firma Flachglas. Klaus, einer meiner Edelstudenten - siehe auch FALLSTUDIE NR. 4 - Flachglas AG, Gelsenkirchen - war da beschäftigt und besorgte mir aus dem Berliner Zentrallager des Unternehmens in Kreuzberg, Berlin - heute Berlinische Galerie - für mein innovatives Team (Wir waren 16) Tische aus Sicherheitsglas. Jeder der Teammitglieder bekam einen Tisch ins Büro und 6 Einheiten bildeten den Konferenztisch. Tische aus Glas damals 1978 - affengeil.

Höhepunkt war dann das Unikat von Lutz. Um 1960 wurde die Idee geboren und die Verwirklichung 1981: Die Form - ein halber Schmetterlingsflügel - gemäß des Lebensmottos von Lutz: „Einklang von der Form mit der Natur“.

Lutz war Spandauer, ein irrer Typ, seinerzeit immer in weiß von Kopf bis Fuß gekleidet. Und sein bester Marketingspruch finde ich war „Alle Designer sind Idioten und Blechpfeifen“. Und nun liebe Leserinnen und Leser, wer war Lutz? Drei mal dürft ihr raten. Er ist dieses Jahr am 16. September 2019 verstorben. Er wurde 91 Jahre alt. Er fand seinen Vornamen „Lutz“ deutsch und doof. Gedacht, getan. Er gab sich einen italienischen Vornamen - Luigi. Und danach wurde er einer der größten Designer mit den bekannten runden Formen in Abbildung der Natur.

Mein Colani-Tisch - wie ihr seht - hat runde Ecken. Und durch seine natürliche Form eines halben Schmetterlingsflügels habe ich jeden Feind, der an diesem Tisch bei mir saß, sofort mit Blickkontakten „vernichtet“.


BILD COLANI-TISCH


Genial! Der Tisch hat eine tiefschwarze Farbe, gespritzt mit Autolack und ist riesig. Seit 1980 sitzt Schaf Muh bis heute mit am Tisch, aber das ist eine weitere Geschichte „Schaf Muh und die Fremden“.

Entschuldigt bitte, die selbstdarstellende Abschweifung in einem Nebenpfad meines kosmischen Traumwaldes - mit vielen alten brandenburgischen Kiefern, die mir, wenn ich sie besuche, angelehnt an ihren langen Stämmen ihre Stimmen mir ins Ohr flüstern. Da bin ich glücklich und fühle mich geborgen!

Zurück zum Hauptweg: „Rudolf“ sagte ich, „auf gehts zum Xantener Eck, hier bei uns nebenan! Meine alte Bierkneipe. Hier gibt es gepflegte Biere vom Faß. Mein Liebling Großes Jever. Xantener Eck, pflege ich seit 1987. Mein Büro in der Leibnizstrasse 84 musste ich auf Befehl meines Sponsors Olaf Henkel - damals Macher der IBM Europa - fluchtartig verlassen und zum Ku’Damm 74, Ecke Adenauerplatz, in den 4. Stock, ca. 400 m2, umziehen. Befehl des Machers, wörtlich „Thiede, sofort hier raus, im ersten Stock ist ein Puff, ich wußte schon immer, dass du etwas verrückt bist.“

Xantener Eck war der Beginn meines ersten großen Sieges. Entwicklung des Babelsberger Modells - Eine fast unendliche Geschichte.

Der Problemlösungsfall - Babelsberger Modell - war interdisziplinär, sowohl vertikal als auch horizontal. Ausgestattet mit Netzwerken, die korrupt waren - auf allen Ebenen und Prozessen der jeweiligen primären Entscheidungsträger und somit theoretisch und praktisch unlösbar.

Die Gesamtinvestition betrug über eine halbe Milliarde Euro. Ich hatte die Gesamtverantwortung und wollte aufgrund der Verantwortung meiner Belegschaft gegenüber, meinen Lösungsansatz realisieren - es waren über 2000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Meine einzige Waffe, die ich hatte, war mein Kopf, mein Bauch und meine Erfahrung. Und meine Erziehung mit allen Mitteln gegen Korruption zu kämpfen gemäß dem Kant’schen Imperativ. Die direkt Beteiligten, die am Colani-Tisch saßen, waren immer nervös. Und sie manipulierten und täuschten mit allen Mitteln - nach dem bekannten Motto "Kaufen kommt vom Tauschen. Und Tauschen kommt vom Täuschen!" - in allen Handlungsprozessen der 3-jährigen Entwicklungszeit. Einer von ihnen sagte einmal zu mir in dieser Zeit, Auge in Auge: „Thiede, sie sind doch ein Idiot, ich besteche jeden, und sehen sie, ich bin sehr erfolgreich. Sie sind in unserem Projektteam der einzige Unbestechliche, und das ist scheiße. Auch sie würden hier richtig Kohle machen.“ Den Satz "Kohle machen" habe ich in einem ähnlichem Zusammenhang später mehrmals in den Medien gehört und gelesen. "Ich bin nicht von der inneren Mission. Ich will Kohle machen!" Der damalige Bundespräsident sagte dazu dann in den Medien "Wer Steuern hinterzieht, ist asozial."

Ja, ich war stolz, daß meine Eltern meinen Bruder und mich nach dem Kant’schen Imperativ erzogen haben. Heute habe ich die absolute Freiheit und das ist großartig. Und darum steht „der Unbestechliche“ in meiner Wohnküche II und vielleicht später einmal als Kopf vom international bekannten Bildhauer Jörg Plickat in einem öffentlich Raum. Mit anderen Mitstreitern, die im Leben für die Moral gekämpft haben.

Spät abends, verließen wir die Kneipe Xantener Eck. Wir hatten einige Jever getrunken und Rudolf sagte zu mir: „Wo hat sich eigentlich Karl-Marx nach der Wende versteckt?“ „Nein, eine überdimensionale Kopie haben die Chinesen gemäß ihres Staatskapitalismus der Geburtsstätte von Marx der Stadt Trier geschenkt! - ein urkatholisches Kulturzentrum.

Unseren Marxkopf von Babelsberg habe ich meinem Freund Helmut aus Hürth geschenkt. Mit der Auflage, er soll ihn unter einer alten Trauerweide in seinem Anwesen stellen, mit der Aufschrift „Donald Duck, die Ente hat mich besiegt“.